The Geek shall inherit the earth.

Budni, DM und mein Ärger.

19. April 2014 von Knitterfee | 12 Kommentare

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Seit 14 Jahren lebe ich in Hamburg – und Budni war immer einer meiner liebsten Drogeriemärkte. Nicht zuletzt, weil es nun wirklich an fast jeder Ecke einen Markt gibt. Sogar das Budni-Bonusprogramm nutze ich mehr als gerne, weil ich alle paar Monate einen Gutschein zugeschickt bekomme, den ich dann direkt beim nächsten Einkauf einlösen kann. Und: Budni hatte die Eigenmarken von DM im Sortiment. Richtig: Hatte. Vor einigen Tagen wollte ich neue Spülung kaufen. Wie ich bereits in meinem Artikel zu meiner pinken Haargeschichte erzählte, liebe ich die Haarprodukte von Balea. Preiswert, tolle Wirkung, silikonfrei – und der Duft ist bei jedem einzelnen Produkt anders, aber immer gut. Gestern wollte ich also mal wieder Spülung aufstocken und fand meine Balea-Tuben nicht. Dass Budni schon seit einigen Monaten das DM-Toilettenpapier durch eine eigene Budni-Marke ersetzt hatte, ist mir zwar aufgefallen, war mir aber nicht wichtig. Nun habe ich genauer hingesehen und: Die Alverde-Theke wurde durch Benecos ersetzt, die P2-Theke durch Pinsel, und die Balea-Produkte durch eine “Budni Care” Eigenmarke.

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Ich bin ja bekennender Verpackungsjunkie, und auch wenn mir bestimmte andere Verpackungen teurerer Marken mit Sicherheit besser gefallen, so war Balea für mich immer auch verpackungstechnisch ansprechend. Insbesondere, weil die Farbcodierung der einzelnen Produktreihen immer schön eindeutig war, und sich auch im Regal sehr schön machte. Immer alles bunt und farbenfroh, aber nicht zu verspielt. I like. Die Budni Care Eigenmarke dagegen kommt nicht mit besonders viel Farbe daher. Alle Verpackungen sind mit einem leicht cremeweißen Grundton gestaltet, die Farbe ist eher pastellig. Sieht ziemlich langweilig im Regal aus und lädt nicht zum zugreifen aus. Da ich aber Spülung brauchte, habe ich trotzdem mal eine mitgenommen – für ca 65 Cent, dachte ich mir, geht das mal.
Sie ist nicht schlecht  – aber eben lange nicht so gut wie die Produkte von Balea. Insbesondere der Duft gefällt mir lange nicht so gut, auch wenn er nicht unangenehm ist.

Nun wird das keine Budni-Boykott-Androhung. Dafür bin ich zu faul, und ich habe keine Lust, jedes Mal Toilettenpapier und Waschmittel von Altona, wo sich der nächste DM befindet, nach St. Pauli zu karren. Aber mein Kaufverhalten wird sich definitiv noch stärker verändern, das weiß ich jetzt schon. Da ich ohnehin mindestens einmal in der Woche nach Altona rüberfahre, wird dann eben der Spülungskauf etwas großzügiger mit eingeplant. Und dort werde ich dann vermutlich auch eher andere Produkte verstärkt kaufen, wenn ich denn eh schonmal da bin. Trotzdem gibt es insbesondere bei unseren größeren Budnis ja auch die Beauty-Boxen, in denen für mich besonders der Gosh-Counter interessant ist. Es bleibt also spannend.

Der Hintergrund der ganzen Geschichte ist wohl, dass es über die Jahre eine Kooperation von Budni und DM gab: Budni vertrieb die Eigenmarken von DM, dafür hatte DM versprochen, dem Hamburger Platzhirsch unter den Drogeriemärkten keine oder nur wenig Konkurrenz zu machen – und hielt sich nicht daran. Nun habe ich keine Zahlen oder Fakten, die meine Theorie belegen, aber ich vermute schon, dass DM ein weitaus größerer Konzern ist als Budni. Dass Budni sich aber davon nicht beeindrucken lässt und die Zusammenarbeit beendet, finde ich gut und mutig.

Ich hoffe, dass Budni sowohl bei der Qualität als auch beim Design der eigenen Produkte nochmal stark nachbessert und so einen stärkeren Kaufanreiz schafft.

Meine Frage, natürlich besonders an die Hamburger, wie seht Ihr das?
Seid Ihr auch enttäuscht, dass die DM-Eigenmarken ersetzt wurden, oder ist Euch das eher egal?

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Weihnachten alleine

24. Dezember 2013 von Knitterfee | 1 Kommentar

oder: wie ich mich nicht umbrachte, keine Drogen kaufte und nicht mitgeschnackt wurde.

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Weihnachten alleine zu verbringen ist für viele Menschen eine Horrorvorstellung – und ich kann direkt sagen, es ist schlimmer als man es sich vorstellt – und gar nicht so schlimm wie man es sich vorstellt.
Ja, Ihr seid mal wieder richtig gelandet in der zentralen Ausgabestelle für paradoxe Weltansichten.
Wie ist das also mit Weihnachten und allein sein?

Erstmal ist es scheiße.

Denn selbst wenn man sonst ganz gut mit sich selbst klarkommt, an Weihnachten sind plötzlich alle verpflichtet – oder verbringen freiwillig Zeit mit ihrer Familie. Ab 16 Uhr herrscht Totentanz auf Facebook, und selbst die emsigsten Twittermenschen funken in stark verringerter Frequenz.

Es gibt also nicht mal mehr die Möglichkeit, sich mittels Social Media eine Traumwelt aufzubauen, in der man nicht alleine ist. Schreibt auch keiner mehr, und wenn, dann muss man erklären warum man alleine ist. An Weihnachten!
Puha. Wenn man eher so der wenig nachdenkliche Typ Mensch ist, kommt man vermutlich ganz gut klar. Ich bin eine Träumerin, ich denke ständig, das weiß man ja. Die Gedanken werden immer lauter, der Lüfter des Rechners unter dem Schreibtisch auch.

Hunger? Nö. Extra leckeres Essen gekauft, wenn alle anderen sich den Bauch vollschlagen, kann ich das ja wohl auch. Nur für eine Person zu kochen bin ich gewohnt, alles kein Thema. Aber kein Hunger – der Tag lässt sich auch gut mit Milchkaffee und Zigaretten überstehen.

Und wenn alle anderen sich schickmachen, kann ich das auch. Inklusive falscher Wimpern und Chanel-Lippenstift. Das volle Programm.
Was mach ich damit? Fotos. Damit das Herbstmonologmädchen mir wieder sagen kann, wie schön ich bin. Das lese ich nämlich immer so gerne. Ausserdem will ich dringend bei Magis Silvesterlook-Gewinnspiel mitmachen. Passt ja, irgendwie.

Fotos gemacht, bearbeitet. 17 Uhr. Die Timeline füllt sich so langsam mit Fotos von Weihnachtsbäumen. Die Menschen, die sonst Essen posten, das bestimmt in echt total super aussieht, auf den totgeblitzten Handyfotos aber irgendwie immer so aussieht wie schonmal gegessen, posten heute Weihnachtsbäume. Die Weihnachtsbäume kommen mit wenigen Ausnahmen nicht besser weg als das Essen, ausser dass sie auf Grund der gewünschten Bildstimmung nicht das Schicksal des totgeblitztwerdens erleiden müssen.
(Und wenn mir das jetzt einer übelnimmt und sauer ist, weil ich seinen Weihnachtsbaum beleidigt hab: Es gibt so Listen auf Facebook. Zeig mir nächstes Jahr einfach nicht Deinen Weihnachtsbaum. Bau eine Grinch-Liste.)

18 Uhr. Vereinzelt Berichte über Fressgelage. Die Polizei hält ein Eingreifen aber wohl für übertrieben. (Zum eigentlichen Polizeiteil komme ich gleich noch.)

Ich sehe mir auf Netflix die Miley-Cyrus-Version von LOL an. Was hab ich nur erwartet? Esse einige Rauchmandeln und Schinken, und Salami, und Schokolade. Ha, kann mir doch den Bauch vollschlagen.

20 Uhr. Die Berichte von der Front über Mehr-Gänge-Menüs und Alkohol verdichten sich. Immer noch kein Eingreifen der Polizei.

Ich will Bier.

20:05: Anziehen. Ja, ich hab den ganzen Tag mit vollem Makeup und frisch frisiert in Gammelklamotten zu Hause rumgehangen. Frischluft, Hafenluft, jetzt.

Schön warm einpacken. Ist ja Weihnachten, also Winter.
Draußen vor der Tür ist Sommer. Windig, aber warm. Orrrr.
Is mir egal, ich lass das jetzt so.
Ohne Musik auf den Ohren ab über die Davidstraße Richtung Brücke 10.

St. Pauli ist seltsam still, nur einige wenige (vermutlich türkische, ohgott, ist das jetzt politisch unkorrekt?) Mitbürger und jede Menge afrikanische Drogendealer laufen durch die Gegend. Nein, die Drogendealer stehen. An ihren Ecken. Wie immer.
A propos stehen: in der Davidstraße vor Burger King stehen keine Mädels. Ob die wohl erst später für’s Weihnachtsgeschäft anreisen?
Unten an Brücke 10 ist es leer wie immer um diese Zeit im Winter. Vereinzelt Pärchen auf Weihnachtsspaziergang, sie riecht nach Douglas, er nach Persil.
Da ist er, der Kloß im Hals.
Es geht ja gar nicht darum, dass mir zwingend danach ist, in trauter Zweisamkeit unter einem Baum zu sitzen (mal abgesehen davon, dass das schön wäre, aber das wäre dann keine Tanne, es wäre Sommer, und der Baum stünde irgendwo in der Stadt und hätte seine Wurzeln noch). Es geht mir darum, dass keiner da ist.
Ein einsamer Mensch steht da rum, ich kann aber sein Gesicht nicht sehen. Bin kurz davor, ihn zu fragen ob er mit mir Bier trinken will.
Lasse es dann aber doch lieber, nicht dass er nachher behauptet, ich hätte ihn mitgeschnackt.

Ich beschließe, Richtung Fischmarkt zu laufen. Die übliche Strecke für Momente, in denen ich die Hafennähe besonders genießen will.
Auf der Höhe des Golden Pudel Club hält auf der Bushaltestelle ein Polizeiwagen.
Männlicher und weiblicher BeamterIn steigen aus, und sprechen mich an.
Meine Erscheinung passt offenbar auf eine Frau, die gesucht wird, weil sie sich umbringen will. Wer das behauptet, frage ich. Der Lebensgefährte, sagt der Polizist. Ich sag “den gibt’s nicht”. Er lässt sich dennoch meinen Ausweis zeigen und notiert sich meinen Namen. Sagt mir dann noch, dass er eigentlich jetzt gerne nen Kaffee mit mir auf der Treppe trinken würde, aber dass er ja leider eine suizidale Frau suchen muss.

Hab ich auch noch nie gehört, “ich mag Dich, aber Du bist mir nicht suizidal genug.”.

Er sagt, dass ich jetzt aber auch nicht so richtig glücklich aussehe. Ich sage, wer an Heiligabend allein durch die Gegend läuft, ist vermutlich auch nicht so glücklich, aber ich bring mich nicht um, echt. Ich spare mir den Hinweis, dass ich solche Spielchen ja kenne (Psychovergangenheit sei Dank) und mich dann im Zweifel selber in Ochsenzoll einweisen würde. Nein, musste ich noch nie tun, kenne ich aber aus meinem Umfeld. Ist auch nix dabei, lieber lässt man sich ein, zwei Nächte wegsperren als dass man Mist baut.
Ich bin dabei ein bisschen gerührt, auch wenn ich mir sicher bin, dass er nur aus seiner polizeilichen Fürsorge heraus fragt.
Das besorgt ihn erst recht, er kann ja nicht wissen, dass ich ständig und wegen jedem Scheiß heule, und erst recht wenn ein Polizist auf der Suche nach einer Lebensmüden der erste Mensch an dem Tag ist, mit dem ich spreche.
Als der Polizist wieder in sein Auto steigt, frage ich mich, ob es wohl okay ist, einen Polizisten im Dienst nach seiner Privatnummer zu fragen.
Über Park Fiction, Verzeihung, Gezi Park, laufe ich zurück, Reeperbahn, Große Freiheit, alles ist ungewohnt leer, fast alles ist zu. Die Lichter sind an, aber es ist so still, kein kochender Hexenkessel, der nach billigem Parfum und Alkohol riecht, wie sonst.
Einzig und allein der Kiosk vorne an der Ecke hat geöffnet, ich hole mir eine Cola light, sehe in Augen die mich erkennen. Das ist sehr wertvoll. Das gibt einem das Gefühl von zu Hause sein – wenn’s nur der Mann ist, der mir Cola light und Zigaretten verkauft, und weiß welche Marke ich rauche.

Wieder in der zu Hause beschließe ich, diesen Tag zu dokumentieren.
Um festzustellen, dass die Angst vor dem Alleinsein an Weihnachten berechtigt ist, aber auch völlig unberechtigt. Denn (uh, Fazit!) wenn ich morgen aufwache, dann weiß ich dass es wieder eine Sache mehr gibt, die ich gut kann, und die vermutlich viele Menschen nicht so gut können:

Allein sein. Auch wenn’s manchmal ein bisschen wehtut.

 

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Mein erstes Mal: Critical Mass! August 2013

3. September 2013 von Knitterfee | Keine Kommentare

Vorab-Info für diejenigen, die jetzt gerade gar keinen Plan haben worum es geht, und zu faul zum Googlen sind Wink

Critical Mass Wikipedia Artikel

Critical Mass Hamburg auf Facebook

Es ist eigentlich schon fast eine Schande: seit zwei Jahren kenne ich die Critical Mass, und nie bin ich selber mitgefahren – bis letzten Freitag.
Dass es so lange dauerte, war vielen Umständen geschuldet: als ich noch am Gänsemarkt arbeitete, hatte ich nie Zeit – und schon gar nicht Energie, Freitag abends durch die Stadt zu fahren. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen, dass mir das vielleicht doch ganz gut getan hätte, aber später ist man ja immer schlauer.
Dann kam der Burnout, der mich für einige Monate vollständig außer Gefecht setzte. Und dann kam die Trennung, und ich beschloss, dass nun eine neue Ära anbrechen sollte.

e7d6036c119511e3a54722000a9f1597_7Es dauerte immer noch gute vier Monate, aber letzten Freitag war es endlich soweit: Marcus und ich fuhren mit 3523 anderen Menschen durch Hamburg.

In allererster Linie ein grandioses Gefühl, aber natürlich hat alles so seine Sonnen- und Schattenseiten.
Es war phasenweise wirklich nervig, dass wir kaum fahren konnten. Vom Lücken schließen habe ich bereits immer wieder in den letzten Jahren gelesen und versuchte auch oft, diese zu schließen. Von Stau hatte ich allerdings noch nie irgendwas gehört, es gab aber mehrfach stellen, an denen wir einfach festhingen, einmal bin ich dann sogar abgestiegen und habe ein Stück geschoben, weil mich das ständige “radlaufen” total nervte.
Dann gab es immer wieder einige, die nicht darauf achteten, Lücken zu schließen, oder gar in den Gegenverkehr fuhren.
Grundsätzlich sind die Rückmeldungen zu dieser Critical Mass auch eher durchwachsen, es wird derzeit ziemlich heiß um genau diese Themen (und weitere, wie z.b. Alkoholkonsum etc) diskutiert. Es scheint also für diejenigen, die schon etwas erfahrener sind, eine “nicht so gute” Critical Mass gewesen zu sein.

Allerdings: für mich war sie großartig, und ich bin mir absolut sicher, dass ich nächstes Mal wieder dabei bin – und wenn keiner meiner Freunde mich begleitet (was natürlich viel viel mehr Spaß macht), fahre ich notfalls auch alleine – denn alleine bin ich ja auch nicht Wink

Marcus und ich beschlossen dann, als sich die Masse über die Lombardsbrücke Richtung Wallringtunnel erneut staute, abzubrechen und zum Pub zu fahren. Schön fand ich jedoch, dass die 13 Kilometer (mit Sicherheit auch dank des “moderaten” Tempos”) konditionsmäßig kein Problem für mich waren und ich das nächste Mal gerne länger dabei wäre.

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Zum Glück habe ich daran gedacht, meine persönliche Route mit Runkeeper aufzuzeichnen – ich vergesse sowas ja sonst gerne mal.

Was mich am meisten fasziniert hat, war, endlich mal Platz zu haben und gesehen zu werden. In meinem Alltag auf dem Fahrrad werde ich oft von Autofahrern und Fußgängern ignoriert – wer kennt das nicht, Fußgänger die auf den Radwegen rumstehen oder spazieren gehen, Autofahrer die so nah dran überholen dass man fast umgefahren wird, etc.
Bei der Critical Mass hat keiner eine Chance, uns zu ignorieren, und die Fußgänger stehen an den Ampeln und müssen warten, kommen nicht durch, oder schmeissen sich wagemutig durch die Massen an Fahrrädern.
Auch war es schön zu sehen, wie durchmischt so eine Critical Mass ist – es waren wirklich alle Altersgruppen vertreten, alle Typen von Radfahrern (von den Jungs auf ihren Rennrädern, Mädels auf Hollandrädern, Einräder, Liegeräder, Skateboards) waren dabei.

Soweit ich weiß, ist die Hamburger Critical Mass die größte und damit auch irgendwie einzige ihrer Art in Deutschland. Es gibt auch CMs in anderen Städten, und ich frage mich, warum Hamburg wieder einmal die Nase vorn hat – ich habe das Gefühl, wir haben hier immer noch das Gefühl, etwas bewegen zu können, sind gut organisiert und strukturiert, und können uns (bis auf die üblichen Ausnahmen) einfach benehmen. Der Kontakt zur Polizeit scheint gut zu sein, diese unterstützt die Critical Mass eher, als dass sie be- oder verhindert.

Ich bin sehr gespannt, ob sich die “CM-Kultur” in anderen deutschen Großstädten auch weiterhin entwickeln wird, oder ob wir in Hamburg ewig so weitermachen können. Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen – nicht allein deswegen, weil ich mir ganz egoistisch mehr Platz und Sicherheit für mich auf den Hamburger Straßen wünsche.

Wenn Ihr in Hamburg wohnt: Seid Ihr schonmal mitgefahren? Und wenn nicht: gibt es in Eurer Stadt eine Critical Mass?

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Bei Muddi kotzt man nicht auf den Tisch!

2. Mai 2013 von qypefee | Keine Kommentare

Bei Erika benimmt man sich, egal wie voll man ist
- oder auch: “Bei Muddi kotzt niemand auf den Tisch!”

Es ist ja fast schon ein Verbrechen, dass ich in meinen 13 Hamburger Jahren jetzt erst zum ersten Mal bei Erika’s Eck war, aber ich schäme mich nicht, es zuzugeben.
Ich bin einfach keine große Kiezgängerin, weil ich mich äusserst selten so vollaufen lasse, dass ich den Kiez ertragen könnte, und wann ist man schon mal so lange wach, dass man morgens um 6 betrunken auf einem Barhocker hängt und ein plötzliches Verlangen nach Roastbeef mit Remoulade bekommt?

Vorletzte Nacht war es soweit: Ich wollte Roastbeef. Wir wollten Roastbeef.

Eine irisch-kanadische Geburtstagsparty mit reinfeiern in einen weiteren Geburtstag war die Grundlage für den plötzlichen Hunger, denn wie wir wissen, trinken ist anstrengend – und wenn man zuletzt um 21 Uhr gegessen hat, schreit der Magen und die Seele nach neuem Futter, wenn man volltrunken aus der Kellerbar kommt und feststellt, dass es schon wieder hell draußen ist. So ist es eben, wenn man drei Parties auf einmal feiert.

Also flugs ein Taxi gerufen und ausprobiert, was die Legende sagt: einsteigen, “zu Erika” sagen und genießen. Das erfreute Gesicht des Taxifahrers, der fast am Ende seiner Nachtschicht ist, die totale Faszination des Freundes, der die Legende nicht schon tausendmal gehört hat (“es reicht, zu Erika zu sagen, und schon weiß der wo er hinmuss! Toll!”), und sich darüber freut dass Hamburg immer so schön aussieht und Frankfurt nie, und die desjenigen, der volltrunken, amüsiert und entspannt in der anderen Ecke des Taxis hängt und sich aufs Roastbeef freut.

Ankommen bei Erika. Vor der Tür Betrunkene, die umfallen. Innen: Schön warm! Eine bunte Mischung von frisch verliebten Pärchen, die sich wahrscheinlich nach dem Aufwachen verabschieden und nie wieder sehen, Taxifahrer, Hipstervolk, Nicht-so-Hipstervolk, Polizisten, junge Menschen, alte Menschen – das Publikum bei Erika sieht aus wie ein Schnitt durch die Gesellschaft. Nur die Schnöseldorfer Klientel könnte man hier vermissen, wenn man sie denn vermissen würde.

Wir bestellen 3 Mal Roastbeef XXL – 250 Gramm Roastbeef, Bratkartoffeln inklusive. Die Bestellung “einmal ohne Bratkartoffeln” wird mit der Frage: “Salat?” beantwortet.
Für mich, die sich ja nach LCHF ernährt (was sich weitaus spaßiger gestaltet als man so denken könnte), und ihre Kohlenhydrate hauptsächlich bevorzugt für Alkohol und Milchprodukte “ausgibt”, ein Traum.

Eine rauchen, bevor das essen kommt. Man benimmt sich. Faszinierend, wie der Typ, der gerade den ersten Joint seines Lebens geraucht hat, vor der Tür zusammenbricht und jammert, und ich einen Schritt zurück gehe, weil mir immer schlecht wird wenn ich jemanden kotzen sehe (er kotzte zum Glück dann doch nicht).

Aber kaum ist der arme Kerl drinnen, kann er wieder stehen, und sieht auch ganz glücklich aus (weiß nicht ob das an dem Joint oder dem Mettbrötchen lag).

Wieder drinnen, im warmen. Es ist schon der erste Mai, aber kalt ist es. Bitterbitterkalt. Vor allem wenn man nur im Kleidchen und Chucks dasteht.

Das Roastbeef ist da.
Es wird begleitet von einer Schale Remoulade, zwei Portionen Bratkartoffeln und einem “kleinen” Beilagensalat, von dem ich leider nur noch ein paar Happen runterbekomme – Roastbeef first!

Als wir fertig sind, brauchen wir ein Weilchen um zu bezahlen – erst müssen noch 30 Mettbrötchen und Roastbeefbrötchen, sowie ein einzelnes Nuttellabrötchen für die Polizei eingepackt werden.

Draussen vor der Tür versuchen ein paar Nachwuchshipster einen Türken im Mercedes zu provozieren, der offenbar auf seine Brötchenbestellung wartet. Sie sind aufgedreht, aber eindeutig zu müde, um sich noch eine Tüte zu drehen.

Sie sind sogar zu unmotiviert, um an den 1.Mai-Randalen teilzunehmen.“Ich hab doch alles was ich brauch” sagt einer, “wozu soll ich demonstrieren gehen.”

Meine Freunde werden noch mit “reserviert” Schildern dekoriert, dann kommt unser Taxi.

Für mich ein grandioses Erlebnis, ich habe mich in Erika’s Eck verliebt, trotz des Deppenapostrophs – und werde wiederkommen, wenn der Pegel stimmt. Oder der Roastbeefhunger zuschlägt.

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