Jeder hat so seine Rituale. Ich z.B. schalte auf der Arbeit erstmal meinen Rechner an, hole mir einen Kaffee, und drehe dann meine virtuelle Runde.
Ich schmeiße mein Entourage an und rufe meine Mails ab. Dann besuche ich unser Intranet, diesmal in der Hoffnung, dass es vielleicht Neuigkeiten zum Sommerfest gibt. Es gibt keine Neuigkeiten. Dann besuche ich meinVZ, Facebook und Xing.
Bei meiner heutigen Morgenrunde stieß ich auf einen Xing-Forenbeitrag in der Hamburger Xing-live-Gruppe.
Eine Gruppenteilnehmerin stellte (nach eigener Aussage nicht ganz ohne “Sarkasmus”) die Frage, ob ein Leben ohne Xing noch möglich sei.
Allgemeiner Tenor in den Antworten anderer Gruppenteilnehmer: “Nein! Xing macht süchtig, das erste woran ich denke wenn ich den Rechner anschalte ist Xing, man lernt hier tolle Leute kennen, ich habe mein ganzes (!!!) Geschäft darauf aufgebaut, Xing hat Suchtpotenzial”.
Insbesondere Frauen scheinen Xing als eine Art neues Brigitte.de zu nutzen – ein bisschen neu.de dürfte auch dabei sein.
Xing scheint also igendwie zu einer Art ICQ/bravo.de/knuddels/beepworld für vermeintlich erwachsene Menschen zu werden – und ich dachte immer, das sei eine Business-Community.
Ich bin zu alt für sowas. Gut, wenn mir Christian von den Zeiten erzählt, in denen es “Mailboxen” gab, dann bin ich nicht ganz so Internet-alt wie er. Aber alt genug. Seit 1998 permanent nur mit kurzen Unterbrechungen unterwegs, erinnere ich mich noch daran, dass es damals vergeblich war, bravo.de zu besuchen – es gab nämlich noch keinen offiziellen Internetauftritt.
Es gab Freemail bei allegra.de, es gab den City-Chat, irgendwann gab es auch Brigitte Youngmiss online. Ich habe damals noch Netscape benutzt – es gab noch keinen Firefox.
Ich habe überlegt, ob ich auf den Gruppenbeitrag bei Xing antworte – aber dann dachte ich mir, fülle ich doch meinen Blog mal wieder mit halbwegs sinnvollen Content.
Ein Leben ohne Xing also? Problemlos möglich – insbesondere wenn ein Großteil der User das Netzwerk völlig missversteht. Ein Business-Netzwerk ist keine Singlebörse, kein virtueller Spielplatz, ein Business-Netzwerk ist eine großartige Möglichkeit, sich selbst auf eine professionelle Art und Weise zu präsentieren und über eventuelle Vernetzungen interessante berufliche Informationen und Anregungen zu bekommen.
Ein Business-Netzwerk ist meiner Meinung nicht dazu da, dass die armen Kerle die sich keinen Porsche leisten können, ihre Schwanzverlängerung in Form von über 8000 (völlig unrealistischen und mit Sicherheit nicht realen) Kontakten gestalten, es ist meiner Meinung nach auch ziemlich unangebracht “***lach, zwinker****” und ähnliche Internet-Umgangssprache zu verwenden.
Vielleicht sehe ich das ganze auch einfach nur zu eng – aber ich rege mich ja auch darüber auf, wenn Leute Flyer in Word layouten und damit Comic Sans MS als Typo verwenden und Cliparts reinbasteln – und das ist ja auch weiter verbreitet, als man sich wünscht.
Ich bin zu alt für sowas. Und ich beherrsche Photoshop, Illustrator und InDesign, sogar ein bisschen QuarkXpress, ich kann Wordpress installieren und versuche, meinen Job und mein Privatleben ein bisschen voneinander zu trennen. Ich habs vielleicht einfach zu leicht.